Das beschriebene Idyll des verschlafenen Vorortes mit Ausflugsqualitäten begann sich ab der Mitte des 19. Jahrhunderts jedoch nach und nach grundlegend zu verändern. Die Lokale blieben zwar bestehen, aber um sie herum, beziehungsweise zwischen ihnen, entstand eine gänzlich neue Quartierstruktur. Industrieansiedlungen schossen wie Pilze aus dem Boden, zunächst zaghaft und in kleinen Ausmaßen, dann schlagartig und von Beginn an groß ausgelegt.

Inserat der Fa. Rudolph Sack

Die Industriezweige waren durchaus vielfältig, und so wuchs eine Mischung aus Textil-, Maschinenbau-, Gießerei-, Buchbinderei- und Druckerei – sowie textilverarbeitender Industrie zusammen. Zwischen den Werkstätten, Firmen und Fabriken entstanden Mietshäuser und Villen für diejenigen, die in ihnen arbeiteten, vom Hilfsarbeiter bis zum Firmenchef – alle lebten dort, wo sie arbeiteten. Das ist ein wichtiger Punkt vor allem auch im Vergleich zu ansonsten entsprechenden Quartieren in anderen Städten.

Hier entstand ein einzigartiges lndustrie- und Wohnmischgebiet, das heute als Ensemble in seiner Struktur als „Denkmal“ geschützt werden soll. Doch warum kam die Industrie ausgerechnet nach Plagwitz? Wieso konnte dieses Viertel im Westen der Stadt mit anderen Vierteln auf wesentlich festerem Grund konkurrieren, sie in der Folge sogar allesamt an Intensität und Effektivität überflügeln?

Diese Entwicklung war ganz allein dem Wirken Karl Heines geschuldet und seinem eifrigen Bemühen um Firmenansiedlungen zu verdanken: Er hatte diesen „Sumpf‘ gekauft und dafür gesorgt, dass er trockengelegt, mit Straßen, Brücken, regulierten Wasserläufen, einem Kanal und einem Bahnhof beziehungsweise Gleisanschlüssen ausgestattet und aufgewertet wurde.

So war ein ausgesprochen attraktiver Standort sowohl für kleines, mittleres und größeres Gewerbe- als auch für Industrieansiedlungen verschiedener Größe entstanden. Aus dem Dorf Plagwitz wurde das wichtigste Industriezentrum Leipzigs. Neben herkömmlichen Gewerbebetrieben wie Ziegeleien, Mühlen, Zementfabrik und anderem, gründete Karl Heine zunächst einmal eine „Landwirtschaftliche Ökonomie“.

Das war im Jahr 1858. und bereits drei Jahre später sorgt er dafür. dass die landwirtschaftliche Lehranstalt vom Speck von Sternburgsehen Gut in Lützschena nach Plagwitz verlegt wird. In späteren Jahren werden hier dann auch sämtliche Neuentwicklungen der benachbarten Sackschen „Bodenbearbeitungsgerätewerke“ getestet und durch die Weiterentwicklung in der Praxis optimiert.

Als älteste Firma, von der sich bis heute wenigstens teilweise noch bauliche Strukturen erhalten haben, gilt jedoch die Eisengießerei Dambacher & Co. Bereits zu Beginn der 1860iger Jahre gründete Kaspar Dambacher eine Eisengießerei und Maschinenfabrik an der Alten Straße in Plagwitz.

Heute werden die verbliebenen Gebäude hauptsächlich kleingewerblich genutzt. Leider ist hier heute auch von den firmeneigenen Gartenanlagen nichts mehr erhalten. Es war damals durchaus üblich, dass auf dem Betriebsgelände auch Grünflächen angelegt und gepflegt wurden. Bei Dambacher &  Mügge oder beispielsweise auch bei Mey & Edlich waren diese Grünanlagen richtige kleine „‚Firmenparks“.

Schon kurz nach der Ansiedlung Mügges gelang Heine aber der erste wirklich entscheidende Coup. Er konnte den jungen Maschinenbauingenieur Rudolph Sack aus Löben bei Lützen überzeugen, sich mit seiner Fabrik für die Herstellung von Ackerbaugeräten in Plagwitz anzusiedeln. Sack, der 1863 mit nur 4 Leuten die Arbeit aufnahm, stieg binnen kürzester Zeit zu einem der größten Unternehmen in Plagwitz und zu einer der führenden Maschinenbauanstalten der Welt im Bereich landwirtschaftlicher Maschinen auf.

Im Jahr 1879 hatte die Firma bereits 170 Beschäftigte, 1883 waren es 650 und 1913 gar 2000. Eine der sagenhaftesten Erfolgsgeschichten dieses Viertels nahm ihren Ausgang, und es gibt Stimmen, die sagen: Was Gottlieb Daimler und Carl Benz an Bedeutung im Automobilbau besaßen, hatte Rudolph Sack im Bereich des Landmaschinenbaus.

Fakt ist, dass seine Maschinen in alle europäischen Länder exportiert wurden und zum Teil sogar nach Übersee gingen. Das war ein Resultat der zahllosen Medaillen und Auszeichnungen, die Sack auf den verschiedenen Weltausstellungen und Messen gewann.

Aber Rudolph Sack ist nicht die einzige märchengleiche Erfolgsstory, mit der Plagwitz aufwarten kann. Es gab außerdem noch die „Brehmer Brothers“, die eigens aus Philadelphia nach Plagwitz umsiedelten, um hier ihre einzigartigen Drahtheftmaschinen zu fertigen; es gab da Philipp Swiderski, der mit seiner turmbewehrten Dampfmaschinenfabrik an der heutigen Zschocherschen Straße nicht nur Maschinenbaugeschichte schrieb, sondern Plagwitz eines der architektonisch reizvollsten Baudenkmale jener Zeit hinterlassen hat, und es gab die Firma der Herren Mey und Edlich, die mit ihrem Patent für die Papierkragenproduktion 1869 ihre gesamte Produktion von Paris nach Plagwitz verlegten.

Ernst Mey hatte nach Erwerb der Firma „The Gray’s American Moulded Paper Collar Co“ und des dazugehörigen Patents für die Papierkragen- und Manschettenproduktion im Jahr 1867 nur ein Jahr später B. Edlich als Teilhaber in die Firma aufgenommen, die von nun an Mey & Edlich genannt wurde.

Wieder ein Jahr später verlegten beide auf Grund der günstigen Konditionen die gesamte Papierkragenherstellung nach Plagwitz in die dortige Elsterstraße (heute Ernst-Mey-Straße). Auch hier begann die Produktion mit einer Hand voll Beschäftigter und wuchs zu einem regelrechten Firmenimperium heran.

Im Jahr 1886 gab die Firma den ersten illustrierten Versandhandelskatalog in Deutschland heraus. Damit gilt Ernst Mey auch als Begründer des deutschen Versandgeschäftes und um die Jahrhundertwende war die Firma in diesem Bereich absoluter Weltmarktführer.

Keine hundert Meter von den damaligen Buntgarnwerken entfernt hatte sich durch die von Heine geschaffene, beispielhaft günstigen Standortbedingungen ein weiteres Großunternehmen mit einer strahlenden Erfolgsstory entwickeln können.

2016-07-29T14:14:13+00:00