Karl Erdmann Heine wurde am 10. Januar 1819 als Sohn reicher Eltern in Leipzig geboren. Sein Vater, Friedrich Heine, war Besitzer des Rittergutes Gundorf-Neuscherbitz nordwestlich von Leipzig. Seine Mutter, Dorothea Heine, war die Tochter des wohlhabenden Leipziger Kaufmanns Erdmann Traugott Reichel. Heine besuchte zunächst die Thomasschule in Leipzig und danach die Leipziger Universität, wo er Volkswirtschaft und Jura studierte. Nach dem Abschluss seiner Promotion ließ er sich 1843 als Anwalt in Leipzig nieder aber schon im darauffolgenden Jahr widmete er sich vorwiegend der unternehmerischen Tätigkeit. Alles begann mit dem Grundstück von Reichelts Garten, besser bekannt unter

Kanalbau in Plagwitz um 1900

seinem vorherigen Namen „Apels Garten“, den er aus dem Nachlass seiner Mutter erhielt. Das Gelände lag westlich der Innenstadt im Bereich um die heutige Kolonadenstraße und stellte das Relikt eines der berühmtesten Barockgärten Leipzigs dar, der einstmals ein Geschenk August des Starken an eine Leipziger Kaufmannsgattin gewesen sein soll, die sich von ihm in einer intimen Stunde einen Fächer gewünscht hatte, woraufhin sie einen weitläufigen Garten mit fächerförmigem Grundriss präsentiert bekam.

Heine kaufte nach dieser Erbschaft das gesamte Gelände westlich des Gartens bis zum Lauf der Elster zu recht günstigen Konditionen auf, denn der Boden war sumpfig und durch die Nähe zum Wasser nicht vor Überschwemmungen gefeit. Ein Umstand, der Leipzig auch den ironischen Beinamen einer Seestadt eintrug. In den nun folgenden Jahren widmete sich Heine ganz der Erschließung dieses Gebietes und der Begradigung und Eindämmung der unberechenbaren Leipziger Flußläufe.

Danach konnte er die einzelnen ParzelIierungen mit solchem Gewinn verkaufen, vermieten und verpachten, dass ein gesunder finanzieller Grundstock für neue Unternehmungen bereitstand. Und schon bald darauf waren neue Ziele ins Auge gefasst:
Heinezog es an die westlichen Ufer des Elsterflutbeckens der Weißen Elster und an den Lauf der Luppe . Hier kaufte er ab 1854 das teilweise stark sumpfige Gelände in und rund um Plagwitz, Lindenau und zum Teil auch Kleinzschocher zu äußerst vorteilhaften Konditionen auf und begann alsbald mit einer einzigartigen infrastrukturellen Erschließung des Areals.

Seine Pläne sahen hier eine gänzlich andere, für die damalige Zeit ultramoderne Nutzung des Terrains vor. Neben Straßen ließ Karl Heine auch Brücken, Gleisanlagen und einen Kanal in Plagwitz bauen. Der Kanalbau wurde bereits 1856 begonnen. Unter dem Motto „Von der Elster an die Alster“ sollte er die Verbindung von der Elster zur Saale und über diese dann zur EIbe herstellen, was Leipzig auch mit einem Welthafen verbunden hätte.
Leider konnte auch die Wiederaufnahme dieses Projektes in späteren Zeiten nicht zu dessen endgültigem Abschluss führen. Nichtsdestotrotz war auch dieses Projekt hinlänglich nützlich für die KompletterschIießung von Plagwitz. Mit dem gewonnenen Aushub von Grauwacke, der damals „Heinescher Knack“ geheißen wurde, konnte das sumpfige Gelände stabilisiert und trocken gelegt werden, was durch zusätzlich errichtete Regulierungsanlagen später vervollständigt wurde. Außerdem wurde der Kanal bereits nach Fertigstellung des ersten Teilstückes als Transportweg für Lasten und an den Wochenenden für den Ausflugsverkehr genutzt.

Karl Heine wollte sich und seine Stadt so weit und schnell als möglich dem Geist der neuen Zeit, der Industrialisierung öffnen. Er war ein Erschließer mit Visionen. Visionen. denen nicht alle sofort zustimmten. Vor allem die Schnelligkeit, mit der alles am besten auf einmal umgesetzt werden sollte, war nicht die Sache der Verwaltung, der Genehmigungen erteilenden Dienststellen und auch nicht des immer im eigenen Tempo wirkenden Stadtrates.
Oft genug hielt Heine selbst vor dem Stadtrat flammende Reden für den Fortschritt, oft genug brachte ihm dies aber auch keinen Erfolg.

Wenn alles nichts half, griff Heine auch gern zu unkonventionellen, wenn nicht sogar halb legalen Mitteln, um seine Visionen zu verwirklichen und durch einmal geschaffene Realitäten den Stadtrat und alle anderen von der Nützlichkeit und den Vorteilen seiner Ideen zu überzeugen.

So ließ er beispielsweise 1856/58 gegen das Verbot der Stadtverordnetenversammlung einen Fußweg durch das Ratsholz schlagen und im Anschluss daran ohne Genehmigung der Stadtverwaltung in einer Nacht- und Nebelaktion eine provisorische Holzbrücke in Höhe der heutigen Klingerbrücke über den Lauf der Elster bauen, um endlich eine direkte Verbindung zwischen Leipzig und Plagwitz zu schaffen.

Zunächst stießen solche Aktionen natürlich auf Gegenwehr. So wurde beispielsweise der Weg durchs Ratsholz vom Rat blockiert. Letztendlich setzte sich Heine jedoch durch und erreichte so eine ungewöhnlich rasche, intensive und nachhaltig wirksame Erschließung des Leipziger Westens für die Ansiedlung verschiedenster Industrien.

Zudem einigermaßen ungewöhnlichen Transportmittel Lastkahn, beziehungsweise zu dem ausgefallenen Transportweg Kanal, kam beispielsweise durch die Initiative und den innovativen Geist Karl Heines noch ein weiteres, hochmodernes “’Wegesystem“ hinzu: Ein flächendeckendes Gleisanschlussnetz.

Nach der Einweihung des Plagwitzer Bahnhofes 1873 strebte Karl Heine danach, so bald als möglich jedes Grundstück in Plagwitz nicht nur für den Straßen-, sondern auch für den Schienenverkehr, zu erschließen. Und so nimmt es überhaupt nicht mehr Wunder, dass Plagwitz bald nicht mehr nur kleines Dorf und Ausflugsziel der Leipziger vor der Stadt war, sondern recht bald auch eine industrielle Nutzung und im Anschluss daran auch eine wohnliche Besiedlung dieses Terrains begann. Doch auch die fortschreitende Industrialisierung konnte der Beliebtheit des Vorortes für den Feierabend- und Freizeitausflugsverkehr keinen Abbruch tun.

2016-07-29T14:19:32+00:00